Mansplaining – philosophisch betrachtet
- Daniel Minkin
- 13. Juni
- 15 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
»Mansplaining« bezieht sich auf ein abwertendes Verhalten von Männern gegenüber Frauen. Eine nähere Auseinandersetzung mit dem Phänomen offenbart überraschende Herausforderungen.

M: »Hast Du schon mal was von ›Mansplaining‹ gehört?«
F: »Ja, ich…«
M: »Ich erklär's mal kurz. Also ich bin ja ein Mann und Du – wie ich sehe 😉 – eine Frau.
Nehmen wir mal an, Du würdest über etwas gut Bescheid wissen. Keine Ahnung, z.B. wie man am besten ein Abendessen vorbereitet oder wie man Kinder erzieht. Jetzt stell' Dir vor, ich als Mann würde Dir das alles erklären, ohne dass Du um Erklärung gebeten hast.«
F: »Ja, ja, ich weiß, ich…«
M: »Dabei achtet der Mann auch meistens garnicht darauf, was die Frau sagt oder wie viel sie weiß.«
F: »Ich habe dazu neulich einen Artikel gelesen.«
M: »Ja. Das ist auch nicht leicht zu verstehen. Der Mann fühlt sich dann gegenüber der Frau intellektuell überlegen und glaubt deswegen, er müsse nicht darauf achten, was die Frau sagt. Vielleicht ist die Frau ja Expertin, was das Kochen und das Kinder erziehen angeht. Ich meine, davon muss man ja ausgehen.«
F: »Ähm…«
M: »Oftmals reden die Männer auch so, dass die Frau gar nicht zu Wort kommt und prüfen dabei gar nicht, ob die Frau vielleicht sogar mehr weiß als sie. Das hat mit Machtstrukturen und Machtdemonstration zu tun. Meistens ist es doch so: Der Mann hat sich irgendwo was angelesen oder aufgeschnappt und zieht hieraus die Überzeugung, dass er auf allen Gebieten besser Bescheid weiß, sogar auf den Gebieten, auf denen die Frau für gewöhnlich der Experte ist.«
F: »Wie kochen, Wäsche machen, Kinder erziehen und zustimmen?«
M: »Ja ja. Was ich aber nicht verstehe, ist, warum die Frauen da nichts sagen. Ich meine, wenn so ein Besserwisser vor mir steht, dann mache ich doch mein Maul auf oder nicht? Vor allem, wenn ich weiß, dass der Typ keine Ahnung hat.«
F: »Naja, manche Frauen sehen, dass es wenig Sinn hat, da zu intervenieren und denken sich ihren Teil.«
M: »Das sollten sie aber nicht. Schau mal: Wenn kein Mann gerade in der Nähe ist, der den Typen zurecht weist, wie soll sich denn eine Frau dann Gehör verschaffen? Ich weiß, das ist für viele Frauen nicht leicht, sich gegen solche Männer durchzusetzen. Sie haben Angst und sind eingeschüchtert. Trotzdem müssen sie ihren hübschen Mund aufmachen.«
Okay, unterbrechen wir hier kurz. Zugegeben, diese Diskussion hat so (glücklicherweise) nie stattgefunden. Ganz ähnliche aber schon. Vor etwa einem Jahr schlug ein Reel bei TikTok und YouTube hohe Wellen, in dem ein Mann einer Frau beim Golf-Training ungefragt Tipps zu ihrem Schwung gibt. Hier ein leicht zusammengefasster Auszug:
M: »Entschuldigung. Das, was Du da machst, das solltest Du nicht machen. Du bist viel zu langsam auf dem Weg nach oben und dann auch zurück.«
G: »Okay. Ich gehe gerade den Schwungwechsel durch, daher ist alles…«
M: »Nein, ich weiß, aber Du schwingst viel zu langsam zurück. Weißt Du, ich spiele Golf seit 20 Jahren. Was Du machen musst, ist, viel schneller durchzuschwingen als Du es jetzt tust.«
Das Gespräch in seiner ganzen Länge kann hier angesehen werden. Allerdings muss die Warnung ausgesprochen werden, dass sich beim Betrachten Fremdscham einstellen könnte – v.a. wenn man weiß, dass die Frau Georgia Ball (»G«) ist, eine professionelle Golferin und Golftrainerin.
Das Video nahmen verschiedene Fernsehsender zum Anlass, Mansplaining näher zu betrachten, d.h. die diskriminierende, sexistische und abwertende Weise, in der manche Männer Frauen die Welt erklären. Die öffentliche Thematisierung dieser Weise ist natürlich zu befürworten. Man fragt sich allerdings, warum die mediale Aufmerksamkeit für dieses Phänomen so spät entstanden ist. Obwohl der Name, der sich aus »man« (engl. für »Mann«) und »explaining« (engl. für »erklären«) zusammensetzt, erst vor relativ kurzer Zeit entstand, müssen wir wohl davon ausgehen, dass das Phänomen selbst Jahrtausende alt ist. Aber gut, besser spät als nie!
Was ist Mansplaining genau? Gehen wir einige Definitionen systematisch durch und nehmen auf dem Weg noch etwas historischen Kontext mit. Dabei soll es nicht darum gehen, dass ich – d.h. der männliche Autor dieses Textes – der Welt und somit Nicht-Männern erkläre, was Mansplaining ist. Wie unten deutlich wird, lässt es sich tatsächlich nicht so einfach von der Hand weisen, dass Männer wichtige Aspekte dieses Phänomens gar nicht erfassen können. Und das gerade aufgrund der Beschaffenheit einer Gesellschaft, in der Mansplaining gefördert wird. Worum es mir hier geht, ist, die Aspekte, die ich als Mann erfassen kann, besser zu verstehen und hieraus womöglich praktische Konsequenzen zu ziehen.
Das Geschenk der männlichen Golf-Weisheit, das Georgia Ball aufgezwungen wurde, gilt nicht zuletzt als paradigmatisches Beispiel für Mansplaining, weil in der Szene eine als eindeutig männlich gelesene Person einer als eindeutig weiblich gelesenen Person unter noch näher zu spezifizierenden Umständen etwas auf noch näher zu spezifizierende Weise erklärte. Welche Umstände vorherrschen und welche Erklärweisen gewählt werden müssen, damit Mansplaining vorliegt, werden wir gleich klären. Zunächst soll hier aber festgehalten werden, dass dieses Phänomen womöglich auch andere Geschlechtsidentitäten betreffen kann. Hier wollen wir uns jedoch auf die Beziehung zwischen Cis-Männern (d.h. Personen, die biologisch männlich sind und sich auch als männlich auffassen) und Cis-Frauen (d.h. Personen, die biologisch weiblich sind, und sich als solche auffassen) konzentrieren. »Eindeutig weiblich« und »eindeutig männlich gelesene Person« werden wir dabei synonym mit »Frau« und »Mann« verwenden.
Lässt sich Mainsplaining also wie folgt charakterisieren?:
(M1) Mainsplaining ist das an eine Frau adressierte Erklären des Sachverhalts p durch einen Mann.
Natürlich kann die Definition (M1) das Spezifische am Phänomen nicht erfassen, denn sie behandelt einfach alle an Frauen adressierte Erklärungen durch Männer als Mansplaining. Das ist natürlich unzutreffend. Noch viel wichtiger ist allerdings, dass so das Ablehnungswürdige am Mansplaining verschleiert wird. Das ist auch der Grund, weshalb man Mansplaining nicht auf die Aussage »Männer erklären Frauen die Welt« reduzieren sollte (wie es z.B. bei Minute 0:10 in diesem Video geschieht). Dass wir bzw. viele von uns das Verhalten des Mann-Gewordenen Golfratgebers kritisieren wollen, hat nichts damit zu tun, dass er Georgia Ball einfach etwas erklärt, sondern weil er das auf eine bestimmte Art und unter bestimmten Bedingungen tut. Genau diese Art und diese Bedingungen angemessen zu beschreiben, ist die Aufgabe einer (philosophischen?) Definitionsfindung.
Wohl alle, die sich mit Mansplaining beschäftigen, sind sich darüber bewusst, dass eine Definition nicht nur deutlich komplexer sein muss als z.B. (M1), sie soll auch das Konflikthafte erfassen, das diesem Phänomen innewohnt. Die folgende Definition versucht genau das:
(M2) Mansplaining ist das an eine Frau adressierte Erklären des Sachverhalts p durch einen Mann, wobei die Frau nicht nach einer Erklärung gebeten hat.
(M2) ist nicht nur komplexer als (M1). Die Definition erklärt auch, weshalb das Erlebnis Georgia Balls auf dem Golfplatz als paradigmatischer Fall von Mansplaining gilt. Denn die – ich sage es noch einmal – professionelle Golferin Ball hat den Erklärbär zu ihrer linken nicht gebeten, ihr den Schwung zu erklären. Er hatte aber offenbar das Bedürfnis, das zu tun (wie der Psychotherapeut Wolfgang Krüger hier, bei Minute 2:15, ausführt).
Obwohl (M2) als Definition »Mansplaining« durchaus beliebt ist, sollte sie aus dem selben Grund fallen gelassen werden wie (M1). Denn auch sie schließt zu viel ein. Nehmen wir an, eine Frau fliegt schon zum zwanzigsten Mal in den Urlaub mit derselben Fluglinie. Und zum zwanzigsten Mal hört sie die Erklärung des männlichen Flugbegleiters über das Anlegen der Schwimmweste im Notfall. Sie hat um diese konkrete Erklärung nicht gebeten (und wäre weniger gelangweilt, wenn sie ausgeblieben wäre). Hat der Flugbegleiter nun »herrklärt«? Sicherlich nicht. Es war seine Pflicht, diese Erklärung – die auch an Frauen adressiert war – zu geben, ganz gleich, ob die Frauen im Flugzeug ihn um sie gebeten haben oder nicht. (M2) ist deswegen wohl unzutreffend.
Die beiden bislang behandelten Definitionen waren eher aus dem Alltag entnommen. Es wird nun Zeit, dass wir uns den wissenschaftlichen Definitionsversuchen widmen. Hier spielt v.a. der Umstand eine große Rolle, dass die Verwendung des Mansplaining-Begriffs in seiner gewöhnlichen Bedeutung auch eine wertende Einstellung ausdrückt. Rebecca Solnit, deren Arbeit wohl den Impuls zur Schaffung des Mansplaining-Begriffs gegeben hatte, drückt das so aus: Manche Männer »erklären, was sie nicht erklären sollten, und […] hören [nicht], was sie hören sollten« (Solnit 2014, S. 27). »Du mainsplainst gerade« funktioniert in dieser Hinsicht wie »Du lügst gerade«. Dementsprechend scheint die folgende Definition auf dem richtigen Weg zu sein:
(M3) Mansplaining ist das an eine Frau adressierte und in einem als abwertend wahrgenommenen Ton ausgedrückte Erklären des Sachverhalts p durch einen Mann. (vgl. Bridges 2017, zit. n. Montanaro 2025, S. 511)
»Du mansplainst gerade« im Sinne dieser Definition hat deswegen eine wertende Dimension, weil hiermit das Missfallen des abwertenden Tons ausgedrückt wird, das mit Mansplaining nach (M3) notwendigerweise einhergeht.
Doch auch diese Definition hat schwerwiegende Probleme. Zunächst scheint die zentrale Formulierung – »als abwertend wahrgenommener Ton« – vage zu sein. Wer soll den Ton »als abwertend wahrnehmen«? Der Mann? Die Frau? Der frauenfeindliche Kumpel des Mannes? Weshalb schreibt man nicht einfach »in einem abwertenden Ton«? Wie die Politikwissenschaftlerin Laura Montanero bemerkt, wird außerdem nicht jeder Fall von Mansplaining in einem als abwertend wahrgenommenen Ton ausgedrückt (vgl. Montanero 2025, S. 511), obwohl das Mansplaining dennoch einen abwertenden Aspekt aufweist.
Am wichtigsten ist dabei, dass die Adressierung an eine Frau und eben dieses abwertende Element des Mansplaining systematisch zusammenhängen (was in (M3) nicht deutlich wird). Wenn ein Mann männklärt, dann ist die Abwertung der Adressatin nicht zufällig vorhanden, sondern gerade weil die Adressatin eine Frau ist. Montanero formuliert das so: »Wichtig für den Begriff ist die Annahme des Mansplainers, dass die Frau, aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau ist, weniger wissend ist als ein Mann.« (Montanero 2025, S. 511). Versuchen wir diesen Punkt in eine vierte Definition umzuformulieren:
(M4) Mansplaining ist das an eine Frau adressierte Erklären des Sachverhalts p durch einen Mann, wobei dieses Erklären die Frau epistemisch abwertet aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau ist.
Mit »epistemisch abwertet« meine ich, dass das beschriebene Erklären die Frau als eine Person, die zu gerechtfertigten Meinungen und zu Wissen über den Sachverhalt p fähig ist, nicht Ernst nimmt, unterschätzt oder nicht anerkennt. Georgia Ball ist eine Person, die weiß, wie man den Golfschläger richtig schwingt und somit auch fähig zu diesem Wissen ist. Doch der mansplainende Golfratschläger erkennt sie nicht als eine solche Person an.
(M4) lässt sich besonders gut auf eine Situation anwenden, in der die die Erklärung ertragende Frau eine Expertin und der die Erklärung aufzwingende Mann ein Laie ist, der den Expertenstatus der Frau ignoriert, bloß weil die Adressatin eine Frau ist. In einer solchen Situation besitzt die Frau trivialerweise (d.h. allein schon aufgrund der Definition des Begriffs der Expertin) mehr (Fähigkeiten zum) Wissen als der Mann. Daher trifft die Definition in diesem Fall in paradigmatischer Weise zu. Ein berühmtes Beispiel für diesen Fall hat wiederum Solnit dokumentiert: Auf einer Party wurde die Kunsthistorikerin sowie ihre Freundin in ein Gespräch mit einem Mann verwickelt. Sie kamen auf ein Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge zu sprechen. Das Bücherwurmmännchen erklärte den beiden Frauen, worum es im Buch geht und ignorierte konsequent den Hinweis der Freundin, dass es sich bei dem Buch um das Werk der Muybridge-Expertin Rebecca Solnit handelte (vgl. Solnit 2014, S. 12f.).
Mit dieser Geschichte eröffnet Solnit ihren 2008 erschienenen Essay »Men Explain Things to Me«, das zum wichtigsten Dokument der kulturellen und wissenschaftlichen Beschäftigung mit Mansplaining wurde. Solnit selbst hat Vorbehalte gegen den Ausdruck »Mansplaining«, da er fälschlicher Weise suggeriere, dass alle Männer das beschriebene Fehlverhalten zeigen. Ihren Fokus legt sie dagegen auf den beschriebenen Expertin-Laie-Fall, in dem »man mir etwas erklärt, womit ich mich auskenne, der oder die Erklärende jedoch nicht.« (Solnit 2014, S. 27)
Solnits Vorbehalt ist natürlich nachvollziehbar. Philosophisch ausgedrückt, kann man sagen, dass die von ihr kritisierte Verwendung des Mansplaining-Begriffs zu weit ist; sie erfasst Fälle, die eigentlich keine Fälle von Mansplaining sind (siehe oben). Andererseits sollte man aber auf der Hut vor einer zu engen Verwendung sein, da dies wichtige Formen des Mansplaining und damit der Diskriminierung unberücksichtigt lässt.
Dieser Fehler wurde etwa bei der Begutachtung des Golfvideos in diversen Medien gemacht. So wird etwa (hier) erklärt, dass es sich bei dem Verhalten des golfenden Welterklärers um Mansplaining handelt, weil Georgia Ball eine Expertin ist, er selbst aber nicht. Aber das kann man bezweifeln. Im Video erklärt der wortschwingende Schwingexperte, dass er seit 20 Jahren Golf spielt. Zwar existiert in vielen Disziplinen eine breite Debatte über den Expertenbegriff (vgl. z.B. Quast 2021), doch es ist plausibel anzunehmen, dass man Experte in einer Tätigkeit ist, wenn man 20 Jahre lang diese Tätigkeit ausgeübt hat. Was diese Überlegung zeigt, ist, dass der Expertin-Laie-Fall nicht die einzige Form des Mansplaining sein muss. Auch in einem Expertin-Experte-Fall kann Mansplaining vorliegen (und mir scheint, die Golfsituation stellt einen solchen Fall dar). Selbst der Experte-Laiin-Fall ist denkbar. Stellen wir uns vor, Georgia Ball wäre keine professionelle Golfspielerin und keine Golftrainerin, der peinlich-freiwillige Ratgeber aber schon. Wenn Ball in diesem imaginären Fall selbst herausfinden wollen würde, wie man den Schläger richtig schwingt, ihr der Ratgeber dies jedoch allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau ist, nicht zutrauen würde, dann würde es sich ebenfalls um Mansplaining handeln (zumindest nach der Definition (M4)).
Halten wir fest: Die Frage, ob der die Erklärung gebende Mann ein Experte ist und ob die die Erklärung erhaltende Frau eine Expertin, ist irrelevant für die Frage, ob es sich beim männlichen Erklären um Mansplaining handelt. Worum es geht, ist, ob die Erklärung aufseiten der Frau erwünscht ist (siehe die Definition (M2), oben) und ob diese Erklärung mit einer epistemischen Abwertung einhergeht, die allein dadurch motiviert ist, dass die Adressatin der Erklärung eine Frau ist.
Mit dem Verweis darauf, dass Mansplaining immer mit einer epistemischen Abwertung der Adressatin einhergeht, die nur dadurch motiviert ist, dass die Adressatin eine Frau ist, ist auch der Verweis impliziert, dass die Abwertung ungerecht ist. Hin und wieder ist es gerecht und gerechtfertigt, jemanden epistemisch abzuwerten – das ist etwa der Fall, wenn jemand beansprucht, Wissenschaft zu betreiben, die grundlegenden wissenschaftlichen Standards (etwa des Zitierens, Dokumentierens etc.) jedoch bewusst nicht beachtet. Wir können uns jedoch keinen Fall vorstellen, in dem es gerechtfertigt ist, jemanden allein aufgrund des Geschlechts epistemisch abzuwerten. Die Form der Ungerechtigkeit, die hier eine Rolle spielt, und auf die auch Montanero hinweist, ist die sog. Epistemische Ungerechtigkeit. Sie wurde insbesondere von der britischen Philosophin Miranda Fricker beschrieben (vgl. Fricker 2007) und ist seit etwa 20 Jahren Gegenstand von Fachdebatten in Philosophie und den Sozialwissenschaften.
Frickers Idee muss im Kontext der Tugend- bzw. Lasterepistemologie gesehen werden, einer erkenntnistheoretischen Richtung, die eine Strukturähnlichkeit oder gar -verwandtschaft zwischen der Ethik und der Erkenntnistheorie sieht. So wie es ethische Laster gibt, gibt es dieser Richtung zufolge auch epistemische. Manchmal fallen diese Kategorien sogar zusammen. Wenn ich lüge, dann handele ich (zumindest nach der Kantischen Ethik) moralisch lasterhaft, (etwa weil ich etwas tue, hinsichtlich dessen ich nicht wollen kann, dass es zu einem allgemeinen Gesetz wird). Ich handele aber auch epistemisch lasterhaft, denn mit meiner Lüge stehe ich der Suche nach Wahrheit und Wissen im Weg. Ähnlich mit der Gerechtigkeit. Wenn ein Gericht eine Zeugenaussage nicht ernst nimmt, weil sie von einer dunkelhäutigen Person stammt, dann handelt es unmoralisch, weil es die Würde des Menschen verletzt. Es handelt aber auch epistemisch lasterhaft, da es die Wahrheitssuche erschwert.
Entscheidend ist nun, dass der Ungerechtigkeitsaspekt zu zwei Herausforderungen sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der gesellschaftspolitischen Behandlung des Mansplaining führt. Die erste dieser Herausforderungen sprechen sowohl Solnit als auch Montanero an: Beide sehen Mansplaining als ein strukturelles Problem und gehen davon aus, dass es nicht nur die Frau als Individuum benachteiligt, sondern einen Schaden für die gesamte Gesellschaft mit sich führt, einschließlich der Herrklärer (vgl. Montanero 2025, S. 514). Montanero unterscheidet dabei zwischen einem Expertise-Based- und einem Experience-Based-Mansplaining. Die erstere Form besteht darin, dass das Wissen (man könnte auch sagen, die gerechtfertigten Meinungen), das eine Frau in die Unterhaltung mitbringt, ignoriert, banalisiert oder nicht gewürdigt wird. Hierdurch entgeht der Gesellschaft die Möglichkeit, das kollektive Wissen, und dem Mansplainer sein individuelles Wissen zu erweitern und somit besser informierte Entscheidungen zu treffen. Vielleicht hätte der Von-der-Seite-Anquatscher auf dem Golfplatz von Georgia Ball einiges lernen können, wenn er sie als das anerkannt hätte, was sie ist – eine professionelle Golftrainerin. Das Experience-Based-Mansplaining ist jedoch nicht weniger schädlich. Denn diese Form klammert die subjektive Erfahrung aus, die die Frau als Mitglied derjenigen sozialen Gruppen erlebt, die Subjekt dieser Erfahrungen sind. Nach Montanero sind es dabei gerade diese Erfahrungen, die wir als Gesellschaft berücksichtigen müssen, um ungerechte Machtverhältnisse zu beseitigen. Vielleicht gäbe es mehr Frauen in Dax-Vorständen, wenn die subjektiven Erfahrungen, die Frauen beim Erklimmen der Karriereleiter machen, von Politik und Wirtschaft ernst genommen werden würden. In jedem Fall stellt das Mansplaining als strukturelles Problem eine größere Herausforderung dar, als wenn es um Einzelfälle ginge.
Obwohl Montanero hierzu nicht mehr viel sagt, führt das von ihr beschriebene Experience-Based-Mansplaining zu einer zweiten Herausforderung, die eher methodologischer Natur ist und auch dieses Essay direkt betrifft. Denn wenn diese Form des Mansplaining auf die subjektiven Erfahrungen von Frauen abzielt, können weder Mansplainer noch männliche Forscher, die sich mit dem Phänomen beschäftigen und somit der Autor dieses Textes diese Erfahrungen prinzipiell nicht gemacht haben. Anders als etwa bei mathematischen Forschungsgegenständen, existiert im Falle des Mansplaining offenbar eine radikale Erkenntnisasymmetrie. Im Vergleich zu den vom Mansplaining Betroffenen können Männer, die vom Mansplaining nicht tangiert werden (und das sind wohl alle männlich gelesenen Cis-Männer), aus prinzipiellen Gründen das Phänomen nur sehr unvollständig erfassen.
An dieser Stelle würden vielleicht einige einwenden, dass genau dieser Umstand das Mansplaining als wissenschaftliches Forschungsobjekt diskreditiert. Ist es nicht so, dass die wissenschaftliche Behandlung eines Phänomens prinzipiell allen zugänglich sein soll, die die nötige Expertise mitbringen? Wenn nun aber eine Gruppe aus prinzipiellen Gründen den Gegenstand nur unvollständig erfassen könne, dann sei keine Intersubjektivität gegeben und damit sei der Weg für eine »objektive« (was auch immer das heißt) Untersuchung versperrt. Dieses Argument basiert jedoch auf einer Mehrdeutigkeit des Ausdrucks »zugänglich«. Was in einer wissenschaftlichen Untersuchung allen Forschenden zugänglich sein muss, sind die theoretischen und empirischen Aspekte, die den Gegenstand betreffen. Diese Aspekte können jedoch aus introspektiven und damit subjektiven Erlebnissen hervorgehen. Ist man nicht gerade Vertreterin einer behavioristischen Psychologie (einer Psychologie, die glücklicherweise längst überwunden ist), so kann man sich gar nicht richtig vorstellen, wie eine Untersuchung von Farb- oder Schmerzerleben anders ablaufen kann. Warum sollte es sich mit Mansplaining anders verhalten? Die theoretischen und empirischen Anteile des Gegenstands bleiben also allen Geschlechtern offen, während die Erlebnisanteile, die offenbar forschungstechnisch nicht ausgeblendet werden dürfen, dagegen nicht.
Während im wissenschaftlichen Kontext diese Erlebnisanteile als subjektive Quelle intersubjektiv zugänglicher Berichte gelten müssen, stehen sie im Hinblick auf den Abbau von Diskriminierungen und ganz allgemein den Umgang miteinander im Zentrum. In diesem Zusammenhang muss ein Thema angesprochen werden, das bei der Auseinandersetzung mit Mansplaining deutlich zu kurz kommt. In den letzten Jahren wurden diverse Konzepte und Strategien erarbeitet, auch die durch das Mansplaining entstandenen Diskriminierungen von Frauen etwa in Meetings oder öffentlichen Diskussionen zurückzudrängen. Wie Solnit berichtet, waren solche Ideen nicht selten selbst diskriminierend – etwa wenn sie Frauen empfohlen haben, bestimmte Verhaltensweisen oder Örtlichkeiten zu (ver)meiden (vgl. Solnit 2014, S. 160). Andere waren – zumindest auf den ersten Blick – sinnvoller. Hierunter fallen etwa Redequoten und andere Regeln der Gesprächsführung, die sich gemischte Gruppen selbst geben. Ohne Zweifel, solche gruppenbezogenen Vorschläge müssen erdacht, entwickelt, diskutiert und auch implementiert werden. Man sollte aber auch die Frage hinzunehmen, was Männer in konkreten Gesprächssituationen tun können, um Mansplaining zu vermeiden.
Solnit, Montanero und andere, die theoretische Arbeit geleistet und ihre eigenen Erfahrungen zum Ausdruck gebracht haben, betonen immer wieder, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein von der Existenz des Mansplaining nötig ist und dass der Mansplaining-Begriff teilweise dieses Bewusstsein bereits geschaffen hat. Ich denke das ebenfalls. Mir stellt sich aber auch die Frage, was das für ein Bewusstsein ist bzw. sein soll. Ich kann mich als »modernen Mann« begreifen, der bei Demos für gleichen Lohn für gleiche Arbeit mitläuft, und der Artikel im Internet veröffentlicht, die auf Diskriminierungen von Frauen hinweisen. Und wie es sich für einen »modernen Mann« gehört, kenne ich feministische Autorinnen sowie ihre Arbeiten über Mansplaining und bin mir deswegen bewusst, dass viele (andere) Männer Mansplaining betreiben. Aber doch nicht ich!
Zum Bewusstsein, das zu schaffen ist, gehört auch das Bewusstsein, dass Mansplaining nicht – oder zumindest nicht notwendigerweise – bewusst betrieben wird. Dieser Umstand nimmt Mansplainer natürlich nicht aus ihrer Verantwortung. Er weist aber daraufhin, dass es keine Garantie für männliche Immunität gegenüber Mansplaining gibt. Auch wenn ich meiner Kollegin eine Stunde lang aufmerksam zuhöre wie sie von dem komischen Pumper im Fitnessstudio erzählt, der ihr erklärt hat, wie die Geräte funktionieren, obwohl sie selbst eine Fitnesstrainerin ist, und auch im vollen Sinne ernst nehme, was sie sagt, kann es trotzdem sein, dass ich ihr eine Minute später erkläre, wie man eine PDF-Datei konvertiert, obwohl sie auch eine ausgebildete Informatikerin ist (und ich nicht).
Zum genannten Bewusstsein gehört auch das Bewusstsein über die oben beschriebene Wissensasymmetrie. Auch wenn ich meiner Kollegin zwei Tage zuhöre, und alles, was sie sagt, so ernst nehme wie es nur geht, ihre Erfahrungen als Mitglied einer Gruppe, die von Mansplaining betroffen ist, werde ich notwendigerweise nicht haben können. Allein das sollte mich bescheidener machen – auch im Hinblick auf meine Fähigkeiten zu erklären, was Mansplaining ist.
Zum besagten Bewusstsein gehört sicherlich noch mehr. Das Bewusstsein allein ist aber kein Heilmittel. Wie schon Hume erarbeitet hat, braucht es eine Motivation – und in diesem Fall eine Motivation aufseiten der Männer – zur Handlung bzw. zur Unterbindung einer Handlung. Hierbei kann man einiges aufführen: Männer sollten Mansplaining unterbinden mit der Motivation, eine (epistemisch) gerechtere Gesellschaft zu schaffen, herrschaftsfreie Diskurse zu führen, sich ethisch tugendhaft zu verhalten, Gleichberechtigung zu fördern und selbstgeschaffene Machtasymmetrien abzubauen. Und wenn man als Mann moralisch so verdorben ist, dass all das nicht motivierend wirkt, dann kann man sich zumindest auf seinen männlichen Egoismus besinnen und Montaneros Hinweis zu Herzen nehmen, dass Mansplaining auch den Mansplainern schadet.
Literatur und Lektürehinweise
Fricker, Miranda (2007): Epistemic Injustice. Power & Ethics of Knowing. Oxford/New York: Oxford University Press 2007.
Frickers Werk zur epistemischen Ungerechtigkeit zählt zu den wichtigsten Arbeiten der neueren Erkenntnistheorie. Hierin führt die Autorin neue Unterscheidungen in die Debatte ein und veranschaulicht ihre Position an einschlägigen Beispielen. Nicht umsonst fand das Werk Anerkennung auch außerhalb der Philosophie.
Montanero, Laura (2025): The Antidemocratic Harms of Mansplaining. In: Perspectives on Politics 23(2), S. 511-523. https://doi.org/10.1017/S1537592724001063
In diesem neueren Fachaufsatz skizziert Montanero die Forschung zu Mansplaining und anderen Formen des diskriminierenden Umgangs. In diesen Kontext bettet sie ihre eigenen und sehr interessanten Thesen ein – etwa die Unterscheidung zwischen dem Expertise-Based- und dem Experience-Based-Mansplaining oder die Annahme, dass Mansplaining einen gesellschaftlichen Schaden und damit auch einen Schaden für die Mansplainer mit sich führt.
Quast, Christian (2021): Was sind Experten? Eine begriffliche Grundlegung. Frankfurt/New York: Campus 2021.
Eine sehr umfassende Studie zum Expertenbegriff. Angesprochen werden diverse Wissenschaften und erkenntnistheoretische aber auch ethische Aspekte. Sehr aufschlussreich, allerdings mit einigen argumentativen Fehlern.
Solnit, Rebecca (2014): Wenn Männer mir die Welt erklären. 14. Aufl. München: btb Verlag 2018:
»Men Explain Things to Me« ist auch der Titel des ersten Essays dieses Sammelbands. Das Essay gilt als Initialzündung und wohl auch als wichtigste Publikation der Beschäftigung mit Mansplaining, obwohl die Autorin diesen Ausdruck selbst nicht verwendet und die spätere Verwendung sogar kritisiert. Weitere Essays des Bands vertiefen die Auseinandersetzung mit diskriminierenden Erfahrungen und weisen sie als Wirkungen von strukturellen gesellschaftlichen Problemen aus. Den Anspruch, wissenschaftliche Standards zu erfüllen, erheben die Artikel jedoch nicht.
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